Zum Hauptinhalt springen

Daten-Studie · Juni 2026

Ein Jahr Barrierefreiheitsgesetz: 9 von 10 deutschen Onlineshops sind weiter nicht barrierefrei

Seit dem 28.06.2025 müssen Onlineshops in Deutschland barrierefrei sein. Ein Jahr später haben wir 369 Shops automatisiert geprüft. Bei 246 verifizierten Onlineshops weisen 91,5 % mindestens eine maschinell nachweisbare Barriere auf — am häufigsten ausgerechnet die kleinsten Anbieter. Ob der eigene Shop dazugehört, zeigt der BFSG-Check für Onlineshops.

Von Julian Abt, Gründer der AutomationsManufaktur · Veröffentlicht Juni 2026

91,5 %

mit ≥ 1 nachweisbaren Barriere

56,1 %

mit kritischen Barrieren

97,4 %

der Kleinstunternehmen betroffen (n = 38)

Ø 2,9

verletzte Prüfregeln je Shop

Grundgesamtheit: 246 deutsche Onlineshops mit verifiziertem Shop-System (Shopify, Shopware, WooCommerce, JTL oder Warenkorb-Funktion). Die 91,5 % sind eine Untergrenze — automatisierte Tests erfassen nur einen Teil der Barrieren.

Worum es geht

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) verpflichtet seit dem 28. Juni 2025 unter anderem den gesamten Online-Handel mit Verbrauchern dazu, Websites und Apps barrierefrei zu gestalten. Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr stehen ausdrücklich im Anwendungsbereich (§ 1 BFSG). Maßstab ist die europäische Norm EN 301 549, die wiederum auf den WCAG 2.1 (Stufe AA) aufbaut. Anders als bei Dienstleistungen gibt es für Produkt-Händler keine Ausnahme für Kleinstunternehmen. Ein Onlineshop ist also unabhängig von seiner Größe in der Pflicht. Wer im Shop zusätzlich Chatbots oder KI-generierte Inhalte einsetzt, hat neben dem BFSG eine zweite Compliance-Frist im Kalender: die Transparenzpflichten der KI-Verordnung, zusammengefasst in unserer Übersicht zu den Pflichten der KI-Verordnung.

Die häufigsten Barrieren

Anteil der 246 geprüften Shops, bei denen die jeweilige Barriere mindestens einmal auftrat. Wer über die Barrierefreiheit hinaus auch Ladezeit, SSL und Rechtstexte prüfen will, nutzt dafür den allgemeinen Website-Check.

Balkendiagramm der häufigsten Barrieren in 246 deutschen Onlineshops: Zu schwacher Farbkontrast 61,4 Prozent, Links ohne erkennbaren Namen 60,2 Prozent, Bilder ohne Alt-Text 35,4 Prozent, Zoom / Vergrößern blockiert 22 Prozent, Buttons ohne Beschriftung 22 Prozent, Formularfelder ohne Beschriftung 6,1 Prozent
Die sechs häufigsten Befunde im Überblick.Quelle: Eigene Erhebung, 246 Onlineshops, Juni 2026
Zu schwacher Farbkontrast61,4 %
Links ohne erkennbaren Namen60,2 %
Bilder ohne Alt-Text35,4 %
Zoom / Vergrößern blockiert22 %
Buttons ohne Beschriftung22 %
Formularfelder ohne Beschriftung6,1 %

Je kleiner der Shop, desto seltener barrierefrei

Der auffälligste Befund: Kleinstunternehmen schneiden am schlechtesten ab — obwohl viele von ihnen glauben, vom Gesetz ausgenommen zu sein. Als Produkt-Händler sind sie es nicht. Als Kleinstunternehmen gilt, wer weniger als zehn Personen beschäftigt und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Bilanzsumme erreicht (§ 2 BFSG). Wer den Shop ohnehin neu aufsetzt, kann die Kriterien von Anfang an einplanen, statt sie später nachzurüsten. Wie wir dabei vorgehen, steht auf der Seite zur Webentwicklung für kleine und mittlere Unternehmen.

Balkendiagramm der Barrierequote nach Unternehmensgröße: Kleinstunternehmen (< 10 MA) 97,4 Prozent, n = 38; Mittel (50–249 MA) 90,5 Prozent, n = 74; Klein (10–49 MA) 90 Prozent, n = 130
Anteil der Shops mit mindestens einer nachweisbaren Barriere, je Größenklasse mit Fallzahl.Quelle: Eigene Erhebung, 246 Onlineshops, Juni 2026
Kleinstunternehmen (< 10 MA)n=3897,4 %
Mittel (50–249 MA)n=7490,5 %
Klein (10–49 MA)n=13090 %

Nach Branche

Lebensmittel & Getränken=3497,1 %
Lebensmittelproduktionn=2290,9 %
Mode & Bekleidungn=7490,5 %
Gesundheit & Beautyn=2788,9 %
Allgemeiner Einzelhandeln=3688,9 %

Vollständige Ergebnistabellen

Die Balken oben zeigen die Reihenfolge, die Tabellen zeigen die Zahlen dahinter. Alle Werte stammen aus derselben Auswertung (Stichtag 19.06.2026) und sind hier vollständig ausgewiesen, damit sie nachgerechnet und zitiert werden können. Prozentwerte beziehen sich immer auf die Zahl der Shops im jeweiligen Segment, nicht auf die Gesamtstichprobe.

Die zwölf häufigsten RegelverstößeGrundgesamtheit: 246 verifizierte Onlineshops. Ein Shop zählt je Regel einmal, unabhängig davon, wie oft die Regel auf der Seite verletzt wird.
Regelaxe-Regel-IDBetroffene ShopsAnteil
Zu schwacher Farbkontrastcolor-contrast15161,4 %
Links ohne erkennbaren Namenlink-name14860,2 %
Bilder ohne Alt-Textimage-alt8735,4 %
Zoom/Vergrößern blockiertmeta-viewport5422,0 %
Buttons ohne Beschriftungbutton-name5422,0 %
Unzulässige ARIA-Attributearia-prohibited-attr2610,6 %
ARIA-Struktur unvollständigaria-required-children218,5 %
Verschachtelte Bedienelementenested-interactive218,5 %
Scrollbereich nicht per Tastatur erreichbarscrollable-region-focusable197,7 %
ARIA-Attribut am falschen Elementaria-allowed-attr166,5 %
Formularfelder ohne Beschriftunglabel156,1 %
Fehlerhafte Listenstrukturlist145,7 %
Quelle: eigene Erhebung, Playwright und axe-core, Stichtag 19.06.2026

Die beiden häufigsten Befunde treffen zusammen fast jeden zweiten Shop und haben denselben Ursprung: sie entstehen im Design, nicht in der Technik. Zu schwacher Kontrast ist eine Farbentscheidung, ein Link ohne erkennbaren Namen ist meistens ein Symbol ohne Text. Beides lässt sich ohne Umbau des Shops beheben, und beides wird zuverlässig übersehen, weil die Seite für Sehende funktioniert.

Ergebnisse nach Shop-SystemAusgewiesen werden nur Systeme mit mindestens 5 geprüften Shops. Die vier Segmente decken 245 der 246 verifizierten Shops ab.
Shop-Systemnmindestens eine Barrierekritische BarriereRegeln im Schnitt
Shopware2896,4 %57,1 %3,2
sonstiges oder Eigenbau6894,1 %54,4 %2,9
WooCommerce3791,9 %40,5 %2,6
Shopify11288,4 %61,6 %2,9
Quelle: eigene Erhebung, Playwright und axe-core, Stichtag 19.06.2026

Zwischen dem besten und dem schlechtesten System liegen acht Prozentpunkte. Das ist weniger, als die Diskussion über Shop-Systeme vermuten lässt, und es kippt sogar, wenn man auf kritische Barrieren schaut: dort liegt Shopify mit dem höchsten Wert vorn, obwohl es bei der allgemeinen Quote am besten abschneidet. Die Barrierefreiheit eines Shops entscheidet sich also im Theme und in der Konfiguration, nicht in der Wahl der Plattform.

Ergebnisse nach UnternehmensgrößeDrei Größenklassen mit mindestens 5 Shops, zusammen 242 der 246 Shops. Die übrigen Shops haben keine Mitarbeiterangabe oder fallen in eine Klasse unterhalb der Mindestfallzahl.
Unternehmensgrößenmindestens eine Barrierekritische BarriereRegeln im Schnitt
Kleinstunternehmen (<10 MA)3897,4 %60,5 %3,2
Mittel (50–249 MA)7490,5 %58,1 %2,8
Klein (10–49 MA)13090,0 %53,1 %2,9
Quelle: eigene Erhebung, Playwright und axe-core, Stichtag 19.06.2026
Ergebnisse nach BrancheSechs Branchen mit mindestens 8 Shops, zusammen 203 der 246 Shops. Kleinere Branchen und Shops ohne Branchenangabe werden nicht ausgewiesen.
Branchenmindestens eine Barrierekritische BarriereRegeln im Schnitt
Lebensmittel und Getränke3497,1 %52,9 %3,0
Lebensmittelproduktion2290,9 %45,5 %2,6
Mode und Bekleidung7490,5 %64,9 %3,0
Textilien1090,0 %50,0 %2,8
Gesundheit2788,9 %55,6 %3,1
Einzelhandel3688,9 %47,2 %2,7
Quelle: eigene Erhebung, Playwright und axe-core, Stichtag 19.06.2026

Zwei Muster fallen über alle drei Segmentierungen hinweg auf. Erstens liegt die Spannweite überall unter zehn Prozentpunkten: es gibt kein Segment, das die Pflicht flächendeckend erfüllt, und keines, das komplett durchfällt. Zweitens laufen die allgemeine und die kritische Quote nicht parallel. Ein Segment kann bei der allgemeinen Quote gut und bei den kritischen Barrieren schlecht abschneiden, weil dort weniger Shops betroffen sind, die betroffenen aber schwerer wiegende Fehler haben.

Für die Praxis heißt das: aus der Zugehörigkeit zu einem Segment lässt sich für den einzelnen Shop nichts ableiten. Die Quoten beschreiben, wie verbreitet das Problem ist, nicht, ob ein bestimmter Shop betroffen ist. Das beantwortet nur eine Prüfung der eigenen Seite.

Wie robust ist die Grundgesamtheit?

Die Überschrift der Studie steht und fällt mit der Frage, welche Sites überhaupt als Onlineshop zählen. Erreichbar waren 368 Sites, ein verifizierbares Shop-Signal trugen davon 246. Veröffentlicht wird die engere Menge, weil die Kernaussage über Onlineshops gelten soll und in der weiteren Menge auch Firmen-Websites ohne Shop stecken.

Engere und weitere Grundgesamtheit im VergleichDieselbe Auswertung, einmal über die verifizierten Shops und einmal über alle erreichbaren Sites.
KennzahlVerifizierte Shops (n = 246)Alle erreichbaren Sites (n = 368)
mindestens eine Barriere91,5 %89,9 %
kritische Barriere56,1 %47,3 %
schwerwiegende Barriere88,6 %87,5 %
Median verletzter Regeln32
verletzte Regeln im Schnitt2,92,7
Sprache der Seite nicht ausgezeichnet0,4 %3,5 %
Quelle: eigene Erhebung, Playwright und axe-core, Stichtag 19.06.2026

Der Unterschied in der Kernquote beträgt 1,6 Prozentpunkte. Die Wahl der engeren Menge hebt die Schlagzeile also kaum an, und sie ist damit kein Rosinenpicken. Auffällig ist eine andere Zeile: der Anteil der Seiten ohne ausgezeichnete Sprache liegt in der weiteren Menge fast neunmal so hoch. Das stützt die Abgrenzung, denn es zeigt, dass dort Seiten anderer Bauart stecken.

Wer die Studie zitiert, sollte die Grundgesamtheit mit angeben. Die saubere Formulierung lautet: 91,5 % von 246 verifizierten deutschen Onlineshops wiesen am 19.06.2026 mindestens eine maschinell nachweisbare Barriere nach WCAG 2.1 A/AA auf. Ohne diese Einschränkungen wird aus einer belastbaren Zahl eine Behauptung.

Die Erhebung ist wiederholbar angelegt. Auswahl der Stichprobe, Prüflauf und Auswertung liegen als drei getrennte Schritte im Repo, und der Prüfschritt selbst besteht aus Playwright und axe-core, also aus zwei frei verfügbaren Werkzeugen ohne eigene Bewertungslogik. Wer die Zahlen anzweifelt, kann denselben Lauf gegen dieselbe Stichprobe wiederholen. Ein zweiter Lauf zu einem späteren Stichtag zeigt außerdem, ob sich seit dem Start des BFSG etwas bewegt hat. Genau diese Wiederholung ist für das kommende Jahr vorgesehen.

Methodik

  • Stichprobe: 369 deutsche Onlineshops aus konsumentenorientierten Branchen (Mode, Lebensmittel, Gesundheit/Beauty, allgemeiner Einzelhandel). Ausgewertet wurden 246 Shops, bei denen ein Shop-System technisch verifiziert werden konnte.
  • Verfahren: Automatisierte Prüfung der Startseite mit Playwright und axe-core gegen die maschinell prüfbaren Kriterien der WCAG 2.1, Stufe A und AA (Juni 2026).
  • Untergrenze: Automatisierte Tests erkennen nur etwa 40 % aller WCAG-Verstöße. Eine Site ohne Befund ist nicht garantiert barrierefrei; eine Site mit Befund hat definitiv Barrieren. Die Quoten sind daher als Mindestwerte zu lesen.
  • Einordnung: Die WebAIM-Million-Studie 2024 fand mit vergleichbarer Methodik 95,9 % fehlerhafte Homepages weltweit. Unsere Werte sind konsistent und konservativ.
  • Datenschutz: Veröffentlicht werden ausschließlich Aggregate. Es werden keine einzelnen Unternehmen, URLs oder personenbezogenen Daten publiziert.

Häufige Fragen

Müssen auch kleine Onlineshops das BFSG einhalten?

Ja. Die Kleinstunternehmer-Ausnahme (< 10 Mitarbeiter und ≤ 2 Mio. € Umsatz) gilt nur für Dienstleistungen. Wer Produkte an Verbraucher verkauft — also jeder Onlineshop — fällt unabhängig von der Größe unter das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. In unserer Erhebung schnitten gerade die kleinsten Shops mit 97,4 % am schlechtesten ab.

Was bedeutet „maschinell nachweisbare Barriere"?

Wir haben jede Startseite mit dem Open-Source-Werkzeug axe-core gegen die automatisiert prüfbaren Kriterien der WCAG 2.1 (Stufe A und AA) getestet. Automatisierte Tests erkennen nur etwa 40 % aller möglichen Barrieren. Die ermittelten 91,5 % sind deshalb eine Untergrenze — die tatsächliche Quote liegt höher.

Sind 91,5 % nicht übertrieben hoch?

Nein, der Wert ist konservativ. Die international etablierte WebAIM-Million-Studie 2024 fand bei 95,9 % der eine Million meistbesuchten Homepages automatisch erkennbare WCAG-Fehler. Unsere Zahl liegt darunter und wurde mit demselben methodischen Standard erhoben.

Welche Fehler sind am häufigsten?

Zu schwacher Farbkontrast (61,4 % der Shops), Links ohne erkennbaren Namen (60,2 %) und Bilder ohne Alt-Text (35,4 %). Bei jedem fünften Shop ist außerdem das Vergrößern per Zoom technisch unterbunden — ein Problem besonders für sehbehinderte Nutzer.

Wurden einzelne Shops namentlich genannt?

Nein. Veröffentlicht werden ausschließlich aggregierte Quoten nach Branche und Unternehmensgröße. Es werden keine einzelnen Unternehmen, URLs oder personenbezogenen Daten publiziert.

Wie barrierefrei ist Ihr Shop?

Unser kostenloser BFSG-Check prüft Ihre Website auf die häufigsten Barrieren — in wenigen Minuten und mit konkreten Handlungsempfehlungen. Wie wir die Anforderungen auf der eigenen Website umsetzen, steht in unserer Erklärung zur Barrierefreiheit.

BFSG-Check starten

Quellen & Weiterführende Links

  1. Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) – Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de
  2. § 1 BFSG, Zweck und Anwendungsbereich – Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de
  3. § 2 BFSG, Begriffsbestimmungen – Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de
  4. Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 – World Wide Web Consortium (W3C)

Studie der AutomationsManufaktur, veröffentlicht am 26.06.2026. Daten frei verwendbar unter Nennung der Quelle (CC BY 4.0) mit Link auf diese Seite. Gelistet ist die Erhebung auch in der Übersicht unserer Daten-Studien.